Nachhaltigkeit: Wie aus einer äußeren Pflicht ein inneres Bedürfnis werden kann

Nachhaltigkeit wird in deutschen Unternehmen immer wichtiger – und die Transformation dahin wird von außen forciert. Wer oder was diese Motivationstreiber sind, was das Ziel eines solchen Wandels ist und welchen Hindernissen man dabei begegnen kann, erzählen Caroline Hoops und Desiree Schubert.

Manche Unternehmen beschreiten den Weg zu mehr Nachhaltigkeit aus reiner innerer Überzeugung. Andere Unternehmen werden erst durch externen Druck, etwa durch Anforderungen von Kunden oder der Politik, aktiv. Und bei wieder anderen Unternehmen sind es wirtschaftliche Aspekte, die einen nachhaltigen Wandel anstoßen. Welche Motivation letztlich dahintersteckt, ist von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich und hängt von den jeweiligen Führungskräften ab. Dies erläutert Caroline Hoops.

Personenvorstellung

Caroline Hoops ist seit 2021 Nachhaltigkeitsberaterin und Projektleiterin in den Bereichen ECOnsulting und Farming bei der Kosmogrün GmbH.

“Natürlich handelt es sich in den meisten Fällen um Mischformen, etwa um primär intrinsisch motivierte Nachhaltigkeitsmaßnahmen, die auch positive wirtschaftliche Effekte mit sich bringen”, erklärt die Expertin. Unabhängig vom Motivationstreiber sei es aber immer wichtig, dass die Unternehmensleitung als treibende Kraft agiere, und die Mitarbeiter aktiv eingebunden werden, fügt sie hinzu. “Nur so können die Maßnahmen ganzheitlich, gewinnbringend und glaubwürdig umgesetzt werden.” Entsprechend, sollten sich die Unternehmen mehr darum bemühen, Nachhaltigkeit in allen Unternehmensbereichen zu verankern: ökologisch, wirtschaftlich und sozial.
 
Im Gespräch mit der geschäftsführenden Gesellschafterin Desiree Schubert von der Fährmann-Unternehmensberatung wurden diese und weitere Aspekte der Nachhaltigkeitstransformation aufgegriffen und durch ihre langjährigen Erfahrungen ergänzt:

Personenvorstellung

Desiree Schubert ist geschäftsführende Gesellschafterin bei der Fährmann Unternehmensberatung GmbH. Als sustainabiliy Expert and Facilitatorin beratet und begleitet sie Unternehmen auf ihrem Weg zur nachhaltigen Transformation.

Was ist Ihrer Meinung nach der Motivationstreiber dafür, dass das Thema Nachhaltigkeit in Unternehmen an immer mehr Relevanz gewinnt? Der Druck von außen (Kund*innen/ politische Regulierung) oder auch die innere Überzeugung?
 
Ich erachte die regulatorischen Pflichten – allen voran die Corporate Sustainability Reporting Directive“ (CSRD) – aktuell für den stärksten Treiber. Dieser Richtlinien-Vorschlag setzt auf verbindliche europäische Berichtsstandards (ESRS). Sie zwingen Unternehmen dazu, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit – insbesondere mit Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel – auseinanderzusetzen. Um diesbezüglich zu einer Einschätzung der wesentlichen Themen zu gelangen, ist die „doppelte Wesentlichkeit“ als Leitprinzip gesetzt. Unternehmen müssen sich damit um jene Nachhaltigkeitsthemen kümmern, die für sie entweder für den Geschäftserfolg oder aus ökologischen bzw. sozialen Gesichtspunkten wesentlich sind. Selbstverständlich “treiben” auch Kund:innen das Thema von außen. Mit dem wachsenden äußeren Druck wird auch das eigene Ambitionsniveau umso entscheidender. Denn damit stellt sich für Unternehmen die Frage, wie hoch sie springen möchten: Geht es um die “Abarbeitung” der Pflichten und einen geeigneten Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken oder geht man darüber hinaus einen Weg, der sich integral zur Unternehmensstrategie verhält?
 
Für wie relevant halten Sie politische Regulierungen? Reichen Ihnen die aktuellen Regulierungen aus?
 
Aktuell gibt es durch die CSRD starke politische Entwicklungen auf europäischer Ebene, die zu mehr Nachhaltigkeit in der Wirtschaft führen sollen. Es ist spürbar, dass die EU-Kommission regulative Eingriffe in wirtschaftliches Handeln für notwendig hält und Selbstverpflichtungen keine Schlagkraft (mehr) zutraut.  Auch wenn auf regulatorischer Ebene längst noch nicht alles hundertprozentig ausgearbeitet ist, so ist die Stoßrichtung ganz klar: Erwartungen und Anforderungen steigen – und der Kreis der von der Berichtspflicht betroffenen Unternehmen wird erweitert. Es werden also vielmehr Unternehmen als bisher offenlegen müssen, wie sie zu Umweltzielen, gesellschaftlichen und Governance Aspekten verbindlich beitragen.
 
 
Können Sie generelle, grundlegende Ziele nennen, die sich ein jedes Unternehmen für mehr Nachhaltigkeit setzen sollte?
 
Die generellen und grundsätzlichen Ziele gilt es gewissenhaft herauszuarbeiten und Regulatorik-konform abzuarbeiten. Damit werden viele Unternehmen sicher schon an die Grenzen der Machbarkeit kommen. Die Kunst ist dann die Projektion auf das eigene Tun. Wo und wie wird aus einer äußeren Pflicht ein inneres Bedürfnis? Wie passen die Anforderungen – also das “Sollen” und “Müssen” zum eigenen “Wollen” und “Können”? Unternehmen, die diese Ebenen übereinbringen, haben meiner Meinung nach die beste Chance, Nachhaltigkeit wirklich zu ihrem „Ding“ zu machen. Und damit ließe sich sozusagen ein Meta-Ziel definieren: einen in sich stimmigen Nachhaltigkeitsweg für das eigene Unternehmen zu finden.
 
Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür, dass Transformation zur mehr Nachhaltigkeit nicht schneller funktioniert?
 
Beim Fährmann sind wir überzeugt, dass die Menschen eines Unternehmens in den Fokus der Transformationsreise gehören. In aller Kürze sehe ich hier vor allem ein partizipatives Vorgehen, das den Verantwortlichen und Mitarbeitenden Raum gibt zu verstehen – ja und auch zu spüren – was die unausweichliche Veränderung zu einem nachhaltigen Verhalten und Wirtschaften mit ihnen und ihrer Arbeit zu tun hat. Was ist ihr eigener Beitrag und wie zahlt dieser auf die großen Nachhaltigkeitsziele ein? Dies erfordert größtmögliche Klarheit und Verständlichkeit des Gesamtbildes – und der zugehörigen Routen. Die Unternehmen sollen dazu ermuntert werden, über Nachhaltigkeit aus einer zukunftsorientierten Perspektive nachzudenken. Wir nennen das „von der Zukunft her denken“. Was also gilt es zu tun, um zum eigenen künftigen Ideal der Nachhaltigkeit zu gelangen? Was zahlt auf das ganz große Ziel ein, und vor allem, wie gelingt es uns dorthin zu kommen? Damit es nicht an Umsetzungskraft mangelt, müssen Inneres (Bedürfnisse, Wünsche) und Äußeres (Anforderungen und Ansprüche) zur Materie für den Weg werden.
(futureorg/signals)

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