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Moral: Wann empfinden wir ein Geschäft als moralisch verwerflich

Viele Menschen finden es moralisch unzulässig, Organe, Kinder oder Doktortitel auf dem freien Markt zu handeln. Doch was macht einen Verkauf in den Augen der Öffentlichkeit moralisch verwerflich? Und was wird kollektiv am meisten abgelehnt? Diesen Fragen sind Forschende des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Robert Koch-Instituts nachgegangen. Die Ergebnisse bieten neue Ansatzpunkte für politische Interventionen.

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Moral: Wann empfinden wir ein Geschäft als moralisch verwerflich
Wären Sie bereit, eine Niere zu verkaufen oder sich für ein Date bezahlen zu lassen? Falls nicht, sind Sie damit nicht allein. Viele Menschen finden solche Geschäfte moralisch verwerflich. Doch was steht psychologisch dahinter? Welche Eigenschaften einer Transaktion lehnen Menschen am meisten ab? Diesen Fragen ging ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Robert Koch-Instituts nach.
 
„Unser Ziel war es, die psychologischen Triebkräfte aufzudecken, die Menschen dazu bringen, solche Transaktionen als verwerflich zu empfinden“, sagt Christina Leuker, Erstautorin und Wissenschaftlerin am Robert Koch-Institut sowie assoziierte Wissenschaftlerin im Forschungsbereich Adaptive Rationalität am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. „Wenn wir wissen, was eine Markttransaktion in den Augen der Öffentlichkeit moralisch verwerflich macht, können wir besser vorhersagen, wie die Menschen auf denkbare neuartige Transaktionen, wie beispielsweise im Bereich der menschlichen Gentechnik, reagieren.“

Online-Umfrage zu Markttransaktionen hinsichtlich ihrer Verwerflichkeit

Um die Psychologie der moralischen Ablehnung zu beleuchten, führte das Team zwei Online-Befragungen in Großbritannien durch, in denen insgesamt mehr als 1500 Befragte 51 Markttransaktionen hinsichtlich ihrer Verwerflichkeit und weiterer Merkmale bewerteten. Zu diesen Merkmalen zählte zum Beispiel, dass eine Transaktion als abstoßend oder als schädlich für die Gesellschaft empfunden wurde, dass sie die Befragten wütend machte oder dass sie fanden, das Geschäft könnte die Würde der Verkaufenden beeinträchtigen oder Ausbeutung begünstigen.
 
Die Ergebnisse der Studien zeigen, dass die Befragten sehr ähnliche Dinge ablehnten. Die stärkste kollektive Ablehnung lösten der Verkauf von Jagdrechten für gefährdete Tiere, der Verkauf von Frauen zur Heirat und der Verkauf von Wahlrechten aus. Darüber hinaus konnten die Forschenden fünf psychologische Aspekte identifizieren, die dem Gefühl der Ablehnung zugrunde zu liegen scheinen. Eine davon war die moralische Empörung. Je moralisch empörender eine Transaktion wahrgenommen wurde, desto mehr Ablehnung und Wut empfanden die Befragten und ordneten die Transaktion als gesellschaftsschädigend ein. Damit einhergehend sank die Empathie mit den an der Transaktion beteiligten Personen.

Vier Aspekte, die mit Ablehnung verbunden sind

Neben der moralischen Empörung fand das Forschungsteam vier weitere Aspekte, die stark mit Ablehnung verbunden zu sein scheinen: die Unmöglichkeit, das gehandelte Gut in einen monetären Wert zu übersetzen, die Ausbeutung benachteiligter Personen durch die Transaktion, unbekannten Risiken für die Verkaufenden, unvorhersehbare Konsequenzen einer Transaktion und das Bedürfnis nach Regulierung. Bei genauerem Hinsehen zeigte sich, dass sich am Grad der moralischen Empörung auch der gewünschte Bedarf an Regulierung vorhersagen lässt: So wurden viele Transaktionen, die große moralische Empörung auslösten, mit einem starken Bedürfnis nach Regulierung verbunden.
 
Die Forschenden betonen, dass ihr Ansatz neue Möglichkeiten für politische Interventionen bieten kann. „Transaktionen, die ein ähnliches Maß an öffentlicher Ablehnung hervorrufen, können dies aus sehr unterschiedlichen Gründen tun, und das hat Auswirkungen auf politische Interventionen“, sagt Ralph Hertwig, Direktor des Forschungsbereichs Adaptive Rationalität am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. „Wenn zum Beispiel der Hauptgrund für die Ablehnung einer Transaktion die potenzielle Ausbeutung von benachteiligten Personen ist, kann eine wirksame politische Reaktion darauf ausgerichtet sein, gefährdete Personen zu schützen. Im Falle einer Transaktion, bei der unbekannte Risiken die Hauptursache für Ablehnung sind, könnte sich die Politik darauf konzentrieren, potenzielle Risiken zu reduzieren und klar zu kommunizieren.“

Politik erhöht Druck für mehr Unternehmensethik

Die Erkenntnisse des Forscherteams dürften nicht nur für die Politik von Interesse sein. Auch die Wirtschaft steht vermehrt unter Druck. Im exklusiven Interview für signals.observer führt Prof. Dr. habil. Frank Keuper an, dass Unternehmensethik die Geschäftsgrundlage allen unternehmerischen Handelns werden muss. „Unser soziales, ökologisches und ökonomisches Leben steht gerade auf der Kippe. Wir müssen die Klimakrise abwenden. Unsere Gesellschaft ist polarisiert wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Frage, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen möchten, ist mittlerweile unüberhörbar geworden“, so Keuper.
 
Aus diesem Grund können Unternehmen es sich nicht mehr leisten, Gesellschaft- und Umweltrisiken zu externalisieren. Dies habe auch die Politik erkannt, die seit einigen Jahren mit erhöhten Regulierungen reagiert. „ISO 26000, ISO 9001, ISO 19600, Deutscher Nachhaltigkeits- und Corporate-Governance-Kodex, UN Global Compact, WMS ZfW und Deutscher Ethik Index (DEX)“ seien nur wenige Beispiele dafür. Die wirtschaftsbedingten globalen Kollateralschäden könne „staatlicherseits im Nachhinein nicht mehr durch Kompensationsprogramm relativiert werden“. Unternehmen seien jetzt aufgefordert, den Total Shareholder Return um den Total Ethical Impact zu erweitern. „Unternehmen sind ein Teil der Lösung“, führt Keuper im Interview an.

Moral und Digitalisierung

Im April 2021 legte die Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine Denkschrift vor, welche unter der Überschrift „Freiheit digital“ für eine verantwortliche Gestaltung des digitalen Wandels plädiert. Die EKD-Denkschrift ist inhaltlich und strukturell an den Zehn Geboten orientiert. Sie bietet eine grundsätzliche Leitlinie zu Fragen des digitalen Wandels – sowohl aus der Perspektive individuellen Handelns als auch des gesellschaftlichen Prozesses.
 
Heinrich Bedford-Strohm, der seit 2014 als der Ratsvorsitzende der EKD tätig ist, erläutert die Ausgangslage und Motivation zur Denkschrift: „Weil sich die Technologien in den vergangenen zehn Jahren so rasant weiterentwickelt haben, hinken die gesellschaftlichen Normen für ihre Nutzung zwangsläufig hinterher. Umso dringlicher ist es, die ethischen Folgen der Digitalisierung stärker in den Blick zu nehmen, und sich über einen verantwortlichen Umgang mit den Technologien zu verständigen.“
 
Im Fokus der Denkschrift liegt die Beziehung Maschine-Mensch. Dabei bleibt der Mensch ein ethisches Subjekt. Somit entscheidet er selbst über die Gestaltung und Nutzung von digitalen Technologien. So werde deutlich, „dass der Prozess der Digitalisierung weder einer unbeherrschbaren Eigendynamik folgt noch schicksalhaft über die Menschheitsgeschichte hereinbricht“ (S. 37). Vielmehr benötige es, so die Denkschrift, eine „verantwortliche Gestaltung“ der digitalen Technologien. (mpg/bdi/signals/futureorg)
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