Wirtschaftsstandort: Deutschlands Herausforderungen

Vier Veränderungen stellen die deutsche Wirtschaft gleichzeitig vor große Herausforderung. In einer Studie hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sie analysiert, die Betroffenheit und Chancen der Firmen untersucht und Handlungsempfehlungen an die Politik formuliert. Genau dort setzt auch eine aktuelle quantitative Delphi-Studie an, die sich speziell mit Fragen des Mittelstands beschäftigt.

Wirtschaftstandort: Deutschlands Herausforderungen

Die Corona-Pandemie hat die Welt aus dem Tritt gebracht. Die Analysten des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) sind überzeugt, dass langfristig andere Herausforderungen bestimmend sein werden. Digitalisierung, Dekarbonisierung, demografischer Wandel und De-Globalisierung.

Die vier zentralen Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft aus Sicht des Instituts der Deutschen Wirtschaft:
 
  1. Die Digitalisierung ändere Prozesse und Geschäftsmodelle, doch gibt es in Deutschland großen Nachholbedarf bei der Infrastruktur und der öffentlichen Verwaltung.  
  2. Dekarbonisierung beschreibt die notwendigen Veränderungen, um Klimaziele zu erreichen – Energiewende, klimafreundliche Produkte und Technologien. 
  3. Durch den demografischen Wandel nimmt das Fachkräfteangebot in den kommenden Jahren ab, vor allem bei den für Innovationen relevanten MINT-Arbeitskräften.  
  4. De-Globalisierung meint Protektionismus, also die Tendenz zur Abschottung großer Märkte sowie Wettbewerbsverzerrungen durch China.  

Ein besonderer Veränderungsdruck besteht, wenn sich mehrere Herausforderungen überschneiden. Die neue IW-Studie, für die 1.300 Unternehmen befragt wurden, zeigt: Knapp 59 Prozent des Umsatzes in Deutschland erwirtschaften Firmen, für die drei oder sogar vier dieser Veränderungen einen hohen Stellenwert haben. Die betroffenen Unternehmen sind überdurchschnittlich erfolgreich und innovativ, sehen in den Veränderungen auch Chancen. Sie benötigen dafür aber gute Rahmenbedingungen der Politik, folgert das IW. 

Gefährliche Überschneidungen 

Die Herausforderungen der Unternehmen verstärken sich gegenseitig. Ein Beispiel: Globalisierung und Klimaschutz. In der Vergangenheit wurden häufig Klimaschutzgüter gefördert, bei denen andere Länder komparative Vorteile hatten. In der Folge verlor Deutschland Marktanteile. Zugleich sehen viele Unternehmen durch den Green Deal aber auch Exportchancen.  
 
Mit Sorgen blicken die Unternehmen auf die Regulierung in China im Bereich der Digitalisierung und damit auf die Schnittstelle von Digitalisierung und Handel. Etwa jedes zweite Unternehmen rechnet damit, dass der chinesische Markt dadurch nicht mehr mit Exporten, sondern nur noch durch Produktion vor Ort bedient werden kann. Auch an der Schnittstelle Digitalisierung, Klimaschutz und Demografie drohen Gefahren: 63 Prozent der größeren Unternehmen erwarten zur Entwicklung klimafreundlicher Technologien und Produkte in den kommenden fünf Jahren einen steigenden Bedarf an IT-Expert:innen, 43 Prozent einen steigenden Bedarf an Ingenieur:innen.
 
Bereits jetzt fehlen allein rund 33.000 IT-Expert:innen, durch den demografischen Wandel drohen die Engpässe an IT-Expert:innen und Ingenieur:innen weiter zu steigen. So ist eine Kernaufgabe der Politik, eine deutlich bessere digitale Infrastruktur zu schaffen. Zudem sollte die kommende Regierung dafür Sorge tragen, dass die digitale Bildung gestärkt, die Forschung intensiviert, die Infrastruktur erneuerbarer Energien gefördert und die qualifizierte Zuwanderung noch besser geregelt wird.

Herausforderungen für den Mittelstand

Genau mit diesen Herausforderungen beschäftigt sich auch eine aktuelle quantitative Delphi-Studie, die sich speziell mit Fragen des Mittelstands auseinandersetzt. Bei der Beschreibung aktueller Herausforderungen des Mittelstands kursieren immer wieder die Begriffe „Digitalisierung“ oder „Klimaschutz“. Befragt man Expert:innen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, fallen zudem Begriffe wie „Globalisierung“ und „Protektionismus“.
 
Zusammenhängend betrachtet, geht etwa die Digitalisierung mit einer vorher gut ausgebauten Infrastruktur einher. Die dafür benötigten Rohstoffe benötigen wiederum eine gute Logistik, was die Notwendigkeit eines guten Straßen- und Schienennetzes meint. Gleichfalls sind Schlagworte wie „Digitalisierung“ oder „Infrastruktur“ für den konkreten Unternehmensalltag zu abstrakt und scheinen für die konkrete Arbeit in der KMU weit entfernt.
 
Die Delphi-Studie des futureorg Instituts befindet sich aktuell in der Pre-Test-Phase. Hier interviewt Dr. Nilgün Dağlar-Sezer Expert:innen aus dem Mittelstand, der Wissenschaft und den Verbänden. Bereits in dieser Phase wurden erste Thesen entwickelt: So tun sich Unternehmen mit traditionellen Arbeitsabläufen im produzierenden Gewerbe mit der digitalen Erfassung verschiedener Abläufe besonders dann schwer, wenn sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen abrupt ändern.
 
Sie kommen weit schlechter durch eine Krise, als die Unternehmen, die bereits früh externe Expertise einbeziehen, branchenspezifische Software einsetzen und Unternehmenskultur flexibel anpassen konnten. Auch bestätigen die bisherigen Erkenntnisse aus den Interviews die IW-Studie: eine Herausforderung kommt selten allein. Vielmehr müssen Unternehmen mehrere Herausforderungen gleichzeitig bewältigen.

Faktor „Mensch“

Sowohl der demografische Wandel, als auch die Arbeitskultur verschiedener Erwerbstätigen-Generationen führen dazu, dass die zu errichtende Arbeit und die vorhandenen Arbeitskraft-Kapazitäten nicht zueinanderpassen, so das IW. Daraus resultiert die Diagnose des Fachkräftemangels. Während der demografische Wandel eine Veränderung der Altersverteilung potenzieller Erwerbstätiger bedeutet, die vom gewohnten Bild abweicht, konkurrieren mit den verschiedenen Generationen unterschiedliche Lebens- und Arbeitsstile, die nicht immer von den jeweils anderen toleriert werden.
 
Hinzu kommen die Rahmenbedingungen für Fachkräftemigration aus dem In- und Ausland, die politische Entscheidungsmechanismen einerseits und öffentliche Debattenkultur andererseits tangieren. Das Themenfeld Migration ist seit Jahrzehnten gleichbleibend emotional aufgeladen.
Auffällig unbeachtet zeigt sich die Geschlechterverteilung unter den Erwerbstätigen und Führungskräften. Strukturdaten weisen allerdings darauf hin, dass dieses Themenfeld eine zukünftige Schlüsselrolle spielen wird.

Viele Einflussfaktoren wirken gleichzeitig

„Es wird spannend zu beobachten, welche Bedeutungen die zirkulierenden Herausforderungen im Detail bedeuten und welche Handlungsoptionen daraus gefolgert werden“, resümiert Kamuran Sezer. Er unterstützt die Delphi-Befragung des futureorg Instituts in der Forschungsmethodik. „Es passt aber gut in die Epoche der wachsenden Komplexität, dass mehrere Einflussfaktoren gleichzeitig auf Unternehmen und Institutionen einwirken. Noch spannender ist die Frage, wie es Unternehmen und Institutionen gelingen kann, auf diese Gleichzeitigkeit der Veränderungen zu reagieren.“ (iwkoeln/futureorg/signals)
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