Ländliche Räume: Wettbewerbsnachteile für Mittelstand und Familienunternehmen

Mittelstands- und Familienunternehmen befinden sich oft bereits seit einigen Generationen am ländlichen Standort. Jedoch werden diese Unternehmen unter Druck gesetzt, sind der Bundesverband der Deutschen Industrie und Marika Puskeppeleit von der Andreas Hermes Akademie überzeugt. Was sind die Herausforderungen? Und was wird benötigt, damit ländliche Regionen als Wirtschaftsstandort erhalten bleiben?

Mittelstands- und Familienunternehmen befinden sich oft bereits seit einigen Generationen am ländlichen Standort. Jedoch werden diese Unternehmen unter Druck gesetzt, sind der Bundesverband der Deutschen Industrie und Marika Puskeppeleit von der Andreas Hermes Akademie überzeugt. Was sind die Herausforderungen? Und was wird benötigt, damit ländliche Regionen als Wirtschaftsstandort erhalten bleiben?
Damit Unternehmen, Beschäftigte und ihre Familien weiterhin in ländlichen Räumen wurzeln möchten, müssen die Rahmenbedingungen attraktiver gemacht werden. Nicht bloß zum Arbeiten, sondern auch zum Leben und Wohnen. So lohnt es sich auch besonders gesellschaftlich, ländlichen Gebieten neuen Auftrieb zu geben und so neue Motivation zum Kommen und Verweilen zu setzen.
 
Für den ländlichen Raum sind mittelständische Unternehmen und Familienunternehmen die zentralen Erfolgsfaktoren für die Region, erinnert der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in einer Pressemitteilung: Sie bieten attraktive Arbeitsplätze, Aus- und Weiterbildungen, zahlen Steuern an örtliche Kassen, sind kreative Gestalter von Veranstaltungsorten, fördern Kunst, Kultur und Sport – und Integration. All dies trägt zur Schaffung gleichwertiger Lebensbedingungen bei.

Wettbewerbsnachteil durch Standorttreue

Schlechte Verkehrsinfrastrukturen – seien es Straßen, Schleusen, Schienen oder Brücken – setzen mittelständische Industrieunternehmen immer mehr unter Druck. Unternehmen, die in mehrstufigen und grenzüberschreitenden Wertschöpfungsnetzwerken agieren, sind auf effiziente Logistikprozesse angewiesen, von jedem Unternehmensstandort aus. Breitbandversorgungen in ländlichen Räumen reichen oftmals lediglich aus, um einige wenige Angestellte zeitgleich in Videokonferenzschaltungen zu halten. Unter diesen Bedingungen sind Industrie 4.0 und ausgiebige digitale Prozesse nicht zu gewährleisten. So gilt es, die Konkurrenzfähigkeit auch ländlicher Unternehmen zu sichern und Gesamtdeutschland endlich an die heutigen Möglichkeiten anzupassen.
 
In ländlichen Räumen ist qualifiziertes Personal oft kaum zu finden und schwer zu halten. Daher unternehmen viele Mittelständler:innen bereits viel in Eigenverantwortung, um Mitarbeiter:innen zu gewinnen und vorhandenes Personal zu halten. Dabei sind sie enorm von Bildungsinfrastrukturen der Regionen abhängig. Immer mehr ziehen junge Personen in Städte, da es in ländlichen Räumen an Bildungsmöglichkeiten mangelt. Kombiniert mit den Auswirkungen des demografischen Wandels kontribuieren diese Faktoren zur Abkopplung ganzer Gebiete. Dies bedroht den gesellschaftlichen Zusammenhalt, politische Toleranz sowie die soziale Stabilität.

„Breitband so wichtig wie Wasser und Strom“

„Ein Lösungsaspekt kann ein verstärktes Hinwirken auf dezentrale Hochschulstandorte sein – bis hin zu Mikrostandorten wie die Präsenzstellen in Brandenburg – einschließlich Coworking- oder Makerspaces“, betont Marika Puskeppeleit, Geschäftsleiterin bei der Andreas Hermes Akademie für den Bereich Entwicklung ländlicher Räume. Auch werde ein hohes Engagement im Bereich Fachkräftemarketing benötigt. „Das bedeutet, deutlich mehr zu tun, als ’nur‘ Praktikumsplätze anzubieten“, stellt Puskeppeleit klar. Als Beispiel nennt sie das Engagement im regionalen Schule-Wirtschaft Netzwerk, die Auszubildende und Mitarbeitende aktiv einbinden und die Möglichkeit von dualen Studiengängen im Unternehmen sowie attraktiven Weiterbildungsmöglichkeiten anbieten.

Personenvorstellung Waltraud Gläser:

Marika Puskeppeleit ist seit 2015 Geschäftsleiterin bei der Andreas Hermes Akademie für den Bereich Entwicklung ländlicher Räume verantwortlich. Ihre wichtigsten beruflichen Stationen waren ein Planungsbüro mit Schwerpunkt Kommunal- und Regionalentwicklung, der Verband der Metall- und Elektroindustrie Hessen – hier war sie Bereichsleiterin für Bildung, Gesellschaftspolitik und Kommunikation – sowie der Stiftung der Deutschen Wirtschaft, bei der sie Projekt- und Bereichsleiterin war. Studiert hat sie Wirtschafts- und Sozialgeografie sowie Stadt- und Freiraumplanung in Hannover. 

Zur Bundestagswahl 2020 haben beinahe alle Parteien auf das Thema „ländliche Räume“ in ihren Wahlprogrammen Bezug genommen, betont der BDI. Dabei ist die Debatte aber wenig konkret und wird den Schwierigkeiten nicht gerecht. Besonders wird ein flächendeckender Breitbandausbau als Grundlage für Entwicklung und Fortschritt benötigt.

„Nicht Technik, sondern Menschen machen’s möglich“

„Noch immer sinkt der Anteil an Breitband bei abnehmender Urbanisierung. Dies hat meist ökonomische Gründe. Um das Ziel ‚Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse‘ ernst zu nehmen, muss diese ökonomische Motivation ausgeschaltet werden“, betont Puskeppeleit. „Breitband ist so wichtig wie Wasser und Strom. Hierfür bedarf es finanzieller Unterstützung“, fordert die Wirtschafts- und Sozialgeografin.
 
Aber: Die Technik ist bei Weitem nicht die alleinige Herausforderung. „Unternehmen und Menschen müssen aufgeklärt und befähigt werden, ihren individuellen digitalen Wandel zu verstehen, zu wollen und zu gestalten. Hierfür bedarf es Förderprogramme und Expert:innen, die diesen Prozess unterstützen und Leuchtturmprojekte ermöglichen sowie begleiten“, beteuert Puskeppeleit.
Besonders müsse zudem das immer wieder erwähnte Subsidiaritätsprinzip durchgehend nicht nur erwähnt, sondern auch angewandt und gelebt werden. (bdi/futureorg/signals)
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