Verhaltensökonomik: Vertrauen in der Krisenzeit

Momentan ist für die Menschheit die Corona-Pandemie eine der aktuellen Herausforderungen. Sie erfordert sowohl wirtschaftsethische als auch ökonomische Beurteilungen. So hat es kürzlich der Wirtschaftswissenschaftler mit Schwerpunkt auf Verhaltensökonomie Dominik H. Enste in einem Gastartikel herausgearbeitet.

Momentan ist für die Menschheit die Corona-Pandemie eine der aktuellen Herausforderungen. Sie erfordert sowohl wirtschaftsethische als auch ökonomische Beurteilungen. So hat es kürzlich der Wirtschaftswissenschaftler mit Schwerpunkt auf Verhaltensökonomie Dominik H. Enste in einem Gastartikel herausgearbeitet.
In dem Artikel „Wirtschaft und Corona: Die Bedeutung von Vertrauen in Krisenzeiten“ betont Enste im Hinblick auf die schwer vorhersehbaren und höchst dynamischen Entwicklungen sowie Unsicherheiten bezüglich der Maßnahmen zur Eindämmung besonders eines: Das grundsätzliche Vertrauen der Menschen spielt eine elementare Rolle. Weil Zahlen und Fakten, beispielsweise zu Krankheitsverläufen, Ansteckungsrisiken oder Impfstoffen samt deren Nebenwirkungen ungewiss sind, benötigt es ein maßgebendes Vertrauen in handelnde Akteur:innen sowie in Institutionen.
 
Besonders, da gravierende Eingriffe in das persönliche Leben sowie in wirtschaftliche Prozesse momentan in bisher unvergleichlichem Ausmaß durchgeführt werden. Dabei spielt, so Enste, ein grundlegendes Vertrauen ins Gesundheitssystem eine wichtige Rolle. Das Vertrauen in eine robuste und leistungsfähige Wirtschaft, transparente Kommunikation in der Politik sowie ein Zusammenhalt der Gesellschaft sind jedoch ebenso von Belang.

Vertrauen vermeidet Panik in schlechten Zeiten

Auf Länderebene geht vielmehr um das „fragile, psychologische Konstrukt des Vertrauens“, als um die finanzielle Beschaffenheit von Ländern und Regierungen, so Enste. Wie der Autor herausstellt, sorgt Vertrauen in besseren Zeiten nicht nur für Kapital und Wachstum, sondern in schlechteren Zeiten dafür, Panik zu vermeiden.
 
Der IW-Vertrauensindex untersuchte von 2000 bis 2018 zwanzig Länder in Bezug auf ihr Vertrauen in den Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Dies zeigte, warum mit der Corona-Pandemie in den untersuchten Ländern verschiedentlich umgegangen und die Krise unterschiedlich wahrgenommen wurde. So herrschte in Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz und Skandinavien vor der Krise eine Atmosphäre des Vertrauens in das politische System, die Gesellschaft und das Wirtschaftssystem. In südeuropäischen Ländern, wie Griechenland, Italien, Portugal und Spanien, war das Misstrauen in deren Politik und Regierung hingegen erheblich – was die Zusammenarbeit bei einer landesinternen und internationalen Krisenbewältigung erschwerte.
 
Was in dem Artikel von Enste jedoch nicht bearbeitet wird, ist die Frage, ob die Krisenbewältigung wirklich an einem mangelnden Vertrauen scheiterte, oder das Misstrauen berechtigt war und die Krisenbewältigung gerade durch mangelhafte Zustände, die verständlicherweise ein Misstrauen hervorrufen, behindert wurde.

Kontrolle oder Vertrauen?

Das gemeinsame Ziel bei der Corona-Pandemie ist es, die Verbreitung des Virus zu stoppen. Notwendig sind dafür Impfungen, aber auch eine Verringerung zwischenmenschlicher Kontakte. Das Verhalten der Menschen muss somit laut Enste in vielen Bereichen des täglichen Lebens verändert werden – sei es im privaten Raum, Hotels, Industriebetrieb, Kulturbetrieb oder Büros. Veränderungen, so stellt der Autor des Artikels heraus, lassen sich durch zwei Wege erreichen: „durch Zwang und Anreize oder durch Einsicht und freiwilliges Befolgen der Regeln“. Mischformen sind dabei nicht geeignet.
 
Verhalten oder Kontrolle? Die deutsche Bundesregierung hat sich frühzeitig für letzteres in Form einer „Misstrauenskultur“ ausgesprochen, beispielsweise in Form von Verschärfungen des Infektionsschutzgesetzes. Zu Beginn war dies der richtige Schritt – ab Sommer 2020 hätte eine Kultur des Vertrauens Sinn ergeben. Jedoch lag der Fokus darauf, alle potenziellen Risiken zu vermeiden, stellt Enste heraus.
 
Auf der Ebene des Staates wurden keine natürlichen Experimente bezüglich der Überprüfung der Wirksamkeit bestimmter Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie durchgeführt. Ein derartiges „Kontrollregime“ würde dem Staat sowohl zu viel kosten als auch in einem freiheitlichen und demokratischen Land unmöglich sein. In liberalen Gesellschaften funktioniere eine „vertrauens- und einsichtbasierte Bekämpfung“ gegen das Virus besser und sei in Hinblick auf Grundrechte sowie andere gesellschaftliche Ziele zudem geboten.
Die Bundesregierung hat sich für eine Misstrauenskultur bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie entschieden. Quelle Michał Jakubowski/unsplash
Die Bundesregierung hat sich für eine Misstrauenskultur bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie entschieden. Quelle: Michał Jakubowski/unsplash

Warum ist Vertrauen so wichtig?

Eine Vertrauensbasis aufzubauen, ist ein langwieriger Prozess. Vor allem erinnern wir uns daran, wie unser Vertrauen missbraucht wird. Daher entsteht gemeinhin der Eindruck, dass andere Menschen weniger vertrauenswürdig sind, als sie es eigentlich sind. Ebenso sind Nachrichten über Vertrauens-Brüche und Fehlverhalten interessanter für Leser:innen, als Ausführungen über positive Resultate bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie.
 
Besonders in den Zeiten der Krise wird aber genau dieses Vertrauen benötigt. Ein Vertrauen, beispielsweise in Quarantäne-Maßnahmen. Denn: „Häusliche Quarantäne lässt sich in Deutschland nur mit hohem Aufwand kontrollieren“ und „Vertrauen in die Fakten und Maßnahmen von Autoritäten“ sind erfordert. Letztendlich wird eine „langfristige Strategie, evidenzbasierte Argumente und Zuversicht in Kombination mit der Übernahme von Verantwortung“ benötigt, sowohl auf staatlicher Ebene als auch auf nationaler Ebene.

In Sachen Agilität und Anpassung von Unternehmen lernen

Enste stellt in seinem Artikel heraus, dass die Politik bei der Pandemiebekämpfung viel von der Wirtschaft hätte lernen können. Waltraud Gläser, VUCA-Expertin aus Überzeugung, unterstützt diese Annahme. Jedoch stellt sie klar heraus, dass Unternehmen es deutlich leichter haben. Schließlich muss eine Bundesregierung ein breiteres Feld an Stakeholdern berücksichtigen. Für Waltraud Gläser, die auch auf Konferenzen internationaler Regierungen ihre Expertise bereitstellt, steht vor dem Vertrauen die Frage nach der Glaubwürdigkeit. „Und was Glaubwürdigkeit anbelangt, haben es Unternehmen einfacher, als eine Bundesregierung“, so Gläser.
Bildquelle: Waltraud Gläser

Personenvorstellung Waltraud Gläser:

Waltraud Gläser ist eine erfahrene Organisationsberaterin mit wirtschaftlichem und psychologischem Sachverstand. Sie ist eine souveräne Sparringspartnerin für Entscheider:innen, versierter Coach für Führungskräfte und Teams sowie eine leidenschaftliche Moderatorin. Als VUCA Expertin gründete sie die Plattformen vuca-welt.de und vuca-world.org.

Unternehmen blicken auf ein wesentlich kleineres Feld, als die Bundesregierung. So können sie besser bewerten, worauf sie Einfluss haben und somit ihre Wirksamkeit einschätzen. Sie besitzen ein Stück weit mehr Kontrolle über Stakeholder sowie die Reichweite und Rahmenbedingungen. „Ich erlebe es, dass Unternehmen sich sehr oft im Klaren sind, wohin und wie sie dorthin wollen. Sie sind eher in der Lage, ihrer Vision zu folgen“, betont Gläser.
 
Waltraud Gläser findet, dass Unternehmen dennoch besonders in einem Punkt der Bundesregierung als Vorbild dienen können: im Bereich der Agilität. Agil heißt in dem Fall, dass man in kleineren Abschnitten und Zyklen denkt. So schafft man letzten Endes ein besseres Erwartungsmanagement. In diesem Zusammenhang lasse sich VUCA auch positiv übersetzen: Aus Ambiguität, also die Fähigkeit, mit Mehrdeutigkeiten umzugehen, wird Anpassungsfähigkeit. „Wenn man in kleineren Zyklen vorausdenkt, plant und evaluiert, dann verfügt man einerseits über die Möglichkeit, sein Vorgehen anzupassen. Andererseits erzeugt man ein work in progress, also ein fließendes Vorankommen durch kontinuierliches Lernen“, berichtet Waltraud Gläser aus ihrem Erfahrungsschatz. (springerprofessional/futureorg/signals)
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