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Supply-Chain-Management: Einkauf zwischen Revolution und Evolution

Ein Weiter-so nach der Corona-Pandemie kann es für den betrieblichen Einkauf und das Supply-Chain-Management nicht geben. Das steht angesichts leerer Lager und Lieferverzögerungen fest. Sie erleben aber auch keine Disruption. Wie sehen diese Managementsdisziplinen nach der Corona-Krise aus? Ein Gespräch mit Patrick Stöhr.

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Ein Weiter-so nach der Corona-Pandemie kann es für den betrieblichen Einkauf und das Supply-Chain-Management nicht geben. Das steht angesichts leerer Lager und Lieferverzögerungen fest. Sie erleben aber auch keine Disruption. Wie sehen diese Managementsdisziplinen nach der Corona-Krise aus? Ein Gespräch mit Patrick Stöhr.

Lieferengpässe, gestörte Lieferketten, leere Lager. Corona hat das Einkaufswesen vieler Unternehmen durcheinander gewirbelt. Ein Grund: Die Beschaffungsmärkte vieler Unternehmen liegen in Asien, dem ersten Epizentrum der Corona-Pandemie. „In unserer ersten Erhebung im Juli 2020 gaben noch 20 Prozent der Studienteilnehmer an, dass sie ihre asiatischen Beschaffungsmärkte verlassen werden. Dieses Ergebnis überraschte uns nicht“, erklärt Patrick Stöhr. Der Experte für Einkaufswesen und Supply Chain ist einer der Autoren einer Studie, die untersucht hat, wie sich die Pandemie auf das betriebliche Einkaufswesen und die Lieferketten ausgewirkt hat.

Patrick Stöhr ist seit mehr als 17 Jahren in Managementpositionen bei internationalen Finanzdienstleistern und Unternehmensberatungen tätig. Der diplomierte Wirtschaftsingenieur ist Autor verschiedener Fachpublikationen, unter anderem Co-Initiator der Studie „Exzellenz im Einkauf – eine Roadmap für Finanzdienstleister“ mit dem BME e.V. und McKinsey&Company. 2013 gründete er seine eigene Unternehmensberatung, die seit 2015 als STÖHR FAKTOR Unternehmensberatung GmbH firmiert. Ihre Schwerpunkte sind die Optimierung und Verknüpfung von Einkauf, Accounting, Process- und Kostenmanagement.

Website: https://stoehr-faktor.de/

Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik in Österreich (BMÖ) und dem International School of Management (ISM) durchgeführt. Dabei handelt es sich um eine besondere Studie. Denn die Autor:innen haben mit Abstand von einem Jahr die Studienteilnehmer:innen erneut befragt. Die Studie ist damit die einzige Quelle, die zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten erhoben hat, wie eine globale Krise auf das Einkaufswesen und das Supply-Chain-Management in Unternehmen eingewirkt hat.

Einkauf ist Profiteur jeder Krise

So konnten die Autor:innen in der zweiten Erhebung feststellen, dass sich die Bereitschaft der Unternehmen, ihre asiatischen Beschaffungsmärkte zu verlassen, relativiert hat. Mit dieser Erkenntnis stehen Patrick Stöhr und seine Mitautor:innen nicht alleine. Erst kürzlich veröffentlichte das renommierte ifo Institut gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung eine eigene Studie. Beide gelangen zur Erkenntnis, dass nur wenige Unternehmen ihre globalen Beschaffungsmärkte durch neue nationale Lieferketten ersetzen wollen.

Wenn die Pandemie endlich überwunden ist, wird alles wieder wie es vorher war? „Nein“, erwidert Stöhr deutlich. „Zunächst muss verstanden werden, dass der Einkauf immer schon ein Profiteur von Krisen war. Dies gilt nicht nur für die aktuelle Pandemie. So war es auch bei der Finanzkrise 2008. Mit jeder Krise ist der betriebliche Einkauf gewachsen.“ Beide Fälle haben demonstriert, dass der Einkauf im Unternehmen eine „Hebelkraft“ darstellt. In der Physik ist es die Kraft, die benötigt wird, um Lasten zu heben oder zu versetzen. Während der Finanzkrise war der Hebel die Kosten, so Stöhr. „Ein guter Einkauf hat alle Sachkosten im Blick und kennt daher Einsparpotenziale. Der fortgeschrittene Einkauf bewertet sogar die Fertigungstiefe. So kann er die klassische Make-or-Buy-Frage beantworten. Ein Vorteil, wenn es darum geht, Kosten im Unternehmen einzusparen.“

Risikomanagement als Kernkompetenz

In Zusammenhang mit der Finanzkrise habe der Einkauf eine weitere wichtige Hebelkraft aufgewiesen. Während das Controlling einen überwiegend retroperspektiven Blick auf die Kosten biete, wisse der Einkauf, wie die Marktpreise sich verändern werden. „Der Einkauf ist in der Lage, Prognosen herzuleiten und Szenarien zu entwickeln, wie gewisse Kosten sich entwickeln werden“, so Stöhr. Und welche Hebelkraft bot der Einkauf bei der aktuellen Pandemie?

Ein Weiter-so nach der Corona-Pandemie kann es für den betrieblichen Einkauf und das Supply-Chain-Management nicht geben. Das steht angesichts leerer Lager und Lieferverzögerungen fest. Sie erleben aber auch keine Disruption. Wie sehen diese Managementsdisziplinen nach der Corona-Krise aus? Ein Gespräch mit Patrick Stöhr.

„In der Pandemie ist Risikoabsicherung das wichtigste Thema“, führt Stöhr aus. „In diesem Ausnahmezustand konnte der Einkauf seine Kernkompetenzen ausspielen.“ Heißt, die betroffenen Unternehmen mussten alternative Lieferanten identifizieren, sie in die Prozesse integrieren und die Lagerbestände hochfahren. Eben klassische Themen des Einkaufs und Supply-Chain-Managements. Neu hingegen war, dass Einkaufsleiter:innen neue Modelle für die Bevorratung entwickeln mussten. „Damit wuchs die strategische Bedeutung des Einkaufs im Unternehmens“, betont Stöhr.

Einkauf strategischer, agiler, digitaler

Da der Ursprung der Pandemie in China lag, waren die Unternehmen gezwungen, ihre Beschaffungsstrategien zu ändern. Es nützte nichts mehr, wenn ein Unternehmen auf zwei oder mehr Lieferanten zurückgreifen kann, aber sie alle ihre Standorte in Asien hatten. „Zur selben Erkenntnis gelangten wir auch in der zweiten Erhebung unserer Studie. Asien als Beschaffungsmarkt verliert nicht an Bedeutung. Im Gegenteil. Gleichzeitig steigt die Bedeutung der regionalen Beschaffung“, führt der diplomierte Wirtschaftsingenieur aus.
 
Ist der Einkauf nach der Finanzkrise auch durch die Corona-Krise gewachsen? Die Studie weist auf strukturelle Veränderungen hin. So ist die Bedeutung des Einkaufs im Unternehmen gestiegen. Auch werde der Einkauf stärker in Entscheidungen eingebunden. Allerdings bildet sich dieser gewachsene Stellenwert nicht in einer höheren Hierarchie ab. „Allen voran ist der Einkauf und das Supply-Chain-Management strategischer, agiler und digitaler geworden“, zitiert Patrick Stöhr aus seiner Studie.

Einkauf als Trendscout

Überhaupt ist Digitalisierung beim Einkauf und Supply-Chain-Management ein Dauerthema. Eigentlich sei sie ein ‚Moving Target‘, hebt Patrick Stöhr hervor. Damit meint er, dass die Digitalisierung einerseits kein Ende hat, sich andererseits ihre Ziele kontinuierlich verändern. Noch wichtiger sei jedoch, dass sich Unternehmen, deren Einkauf eine hohe digitale Reife aufweist, besser durch die Krise manövriert haben. „Diese Unternehmen konnten sich schneller an die veränderten Bedingungen anpassen, Lieferanten schneller screenen und sie in die Prozesse integrieren. Überhaupt stellten sie dank der Daten, die für die Digitalisierung erforderlich sind, eine höhere Markttransparenz her.“

Ein Weiter-so nach der Corona-Pandemie kann es für den betrieblichen Einkauf und das Supply-Chain-Management nicht geben. Das steht angesichts leerer Lager und Lieferverzögerungen fest. Sie erleben aber auch keine Disruption. Wie sehen diese Managementsdisziplinen nach der Corona-Krise aus? Ein Gespräch mit Patrick Stöhr.

Sowohl die Studie als auch das Gespräch mit Patrick Stöhr zeigen auf: Im betrieblichen Einkaufswesen findet keine Revolution statt – trotz der Corona-Krise. Dennoch befindet es sich in einer facettenreichen und spürbaren Evolution. In diesem Spannungsfeld zwischen Revolution und Evolution ist der Einkauf wichtiger geworden. Er hat sich nämlich als eine strategische Ressource in der kurzfristigen Bewältigung von Problemen bewährt. „In diesem Lichte hat Einkauf eine zusätzliche Funktion innerhalb eines Unternehmens übernommen“, ist es Stöhr wichtig anzuführen. „Der Einkauf ist so etwas wie ein Trendscout geworden, der Märkte beobachtet, nicht nur Einsparpotenziale identifiziert, sondern auch auf Innovationen stößt, die für die Produktentwicklung und die Erschließung neuer Märkte wichtig sein können.“  (futureorg/signals)

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