Ruhrgebiet: Eine Einladung an alle Innovator:innen

Das Ruhrgebiet ist eine Region der Widersprüche: arm und reich, gut und schlecht, erfolgreich und misslungen existieren dicht beieinander. Aber genau darin liegt seine Stärke. Eigentlich ist das Ruhrgebiet ein großer, zusammenhängender Inkubator für Innovationen.

Das Ruhrgebiet ist eine Region der Widersprüche: arm und reich, gut und schlecht, erfolgreich und misslungen existieren dicht beieinander. Aber genau darin liegt seine Stärke. Eigentlich ist das Ruhrgebiet ein großer, zusammenhängender Inkubator für Innovationen.

Das Bergwerk Prosper-Haniel im Städtchen Bottrop geht bald in die Geschichte ein. Es ist das Letzte seiner Art und macht im Dezember diesen Jahres endgültig dicht. Damit endet die Geschichte der Kohleförderung im Ruhrgebiet, das fast 200 Jahre das industrielle Zentrum Europas stellte und das Fundament für den Wohlstand vieler Menschen in der Region bildete. Und heute?

Kohle ermöglichte den historischen Aufstieg einer Region. Heute steht das „schwarze Gold“ für ihren Abstieg. Mehr noch: für Arbeitslosigkeit, Mangel an Innovationen, vernachlässigte Stadtteile und Kinderarmut. Das “katholische Mädchen vom Land”, das als Urtypus für Bildungsbenachteiligung galt, wurde durch den “migrantischen Jungen aus dem Ruhrgebiet” verdrängt. Befindet sich das Ruhrgebiet in einer tiefen Krise?

Natürliche Ressourcen wie Kohle haben einen besonderen Vorteil. Ihr Ende tritt nicht abrupt ein. Der Abstiegsprozess kündigte sich schon vor Jahrzehnten an. Die mit Zweckoptimismus imprägnierten Beharrungskräfte waren zwar sehr stark, und einige hatten die Hoffnung, dass die Region die wirtschaftliche und soziale Trendwende im Rahmen der alten Strukturen schaffen könnte, zum Beispiel durch Subventionen. Andere hingegen wollten, unter anderem durch den Bau von Hochschulen, für die Zukunft vorsorgen.

So wurde 1962 die Ruhr Universität-Bochum errichtet. 1968 folgte die TU Dortmund. Die Gesamthochschule Essen wurde 1972 gegründet. Duisburg war schon Ende des 19. Jahrhunderts eine Universitätsstadt. Die 1972 neugegründete Duisburger Gerhard-Mercator-Universität fusionierte 2003 mit der Universität-Gesamthochschule Essen.

Der Strukturwandel hat erhebliche Spuren hinterlassen

Parallel wurden zahlreiche Fachhochschulen eröffnet. Private Bildungsträger und Weiterbildungseinrichtungen füllten die Lücken im öffentlichen Bildungswesen. Im Umfeld der Hochschulen gründeten sich Technologiezentren, die als Inkubatoren unzählige Unternehmensgründungen förderten. Das Technologiezentrum in Dortmund ist das Größte seiner Art in Europa. Dieser Strukturwandel hält bis heute an. Also doch alles super im Ruhrgebiet?

Bereits 2014 forschte das private Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos AG in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung (INWIS) den aktuellen Stand und die Zukunftsperspektiven des Ruhrgebiets. Herausgekommen ist ein Bündel an Maßnahmen, in dem Innovation im Mittelpunkt stand. Fast vier Jahre später kommt die Prognos AG in ihrer aktuellen Studie zu ernüchternden Erkenntnissen über das Ruhrgebiet.

Die Nachrichtensendung “ZDF Heute” zitiert den Prognos-Chef Christian Böllhoff exklusiv: “Die Sozialhilfe-Quoten sind hoch und das, was investiert wurde in den letzten Jahren zum Beispiel in Wissenschaft und Technologie, das zeigt noch keine Wirkung.“ Der Strukturwandel habe erhebliche Spuren hinterlassen, so Böllhoff. Trotzdem schneiden Ruhrgebietsstädte in der großangelegten Deutschland-Studie der Prognos AG  schlecht ab. Herne, Duisburg oder Gelsenkirchen teilen sich die letzten Plätze im Ranking. Also ist im Ruhrgebiet doch nicht alles Gold, was glänzt?

Gelsenkirchen: arme Stadt mit eindrucksvollen Museen

Ist Ruhrgebiet nun Top oder Flop? Die entscheidende Frage ist wohl eine andere: Woher resultiert dieser Widerspruch in der Wahrnehmung dieser Region? Ist es überhaupt ein Widerspruch?

Wer im Ruhrgebiet lebt, weiß, dass in dieser Region “Gut” und “Schlecht” unmittelbar nebeneinander liegen: Am Dortmunder Phoenixsee genießt man die pralle Sonne beim leckeren Eis wie in einem Urlaubsparadies, während im Umkreis von wenigen hundert Metern renovierungsbedürftige Bauten der ehemaligen Arbeitersiedlung den maroden Charme der nicht mehr existenten Stahlindustrie versprühen. Man weiß, dass Gelsenkirchen zu den ärmsten Städten der Nation gehört, aber man dort auch die eindrucksvollsten Museen besuchen kann. Und wer die Zeche Zollverein in der Nacht nicht besucht hat, der kommt nicht aus dem Ruhrgebiet oder lebt nicht lang genug hier.

Wer das Ruhrgebiet verstehen und seine wirklichen Zukunftschancen ableiten will, der muss die Dichotomie von “Gut” und “Schlecht” überwinden. Vielmehr muss er ihre Gleichzeitig anerkennen. Treffender bringt es der Bochumer Historiker Wolfhard Weber. In seinem Aufsatz “Strukturwandel im Ruhrgebiet” (pdf) aus 2003 schreibt er: “Der Begriff Struktur in der gesellschaftswissenschaftlichen, hier der historischen Analyse kennzeichnet seit etwa 50 Jahren einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang, der die Vorgänge nicht mehr in eindimensionalen Kategorien wie vorwärts und rückwärts erfasst, sondern eher netzartige Verknüpfungen betont. Er berücksichtigt besonders die Ergebnisse moderner Technik und Wissenschaft, die es erlauben, bestimmte Ziele auf unterschiedlichen Wegen zu erreichen, in der Wahl der Mittel also der Politik Optionen zur Verfügung zu stellen.”  

Digitalisierung: der vierte Strukturwandel für Ruhrgebiet?

Viele Regionen, insbesondere in Ostdeutschland, müssen gravierende Strukturverschiebungen aushalten und sie positiv für die Zukunft gestalten. Ich denke aber, es ist nicht vermessen zu behaupten, dass das Ruhrgebiet vor unvergleichlichen Herausforderungen steht, und dass auch wegen seiner geografischen Größe und seiner außerordentlich wichtigen Bedeutung als Wirtschaftsregion, die einst ganze Nationen in den Schatten stellte.

Wenn am Ende dieses Jahres das Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop schließt, endet nicht nur eine Ära. Im Grunde weist sie auf den Beginn eines neuen, vielleicht vierten Strukturwandels hin. Die Digitalisierung hat die Welt längst im Griff und verändert Branchen und Gesellschaften nachhaltig. Ihre Auswirkungen auf das Ruhrgebiet, seine Menschen und Wirtschaft werden sowohl anders als immens sein. Trotz aller Veränderungen ist das Ruhrgebiet nach wie  vor eine Wirtschaftsregion der großen und sehr großen Industriestrukturen.

“Unsere Chance besteht darin, dass wir unsere Industriekompetenz in das digitale Zeitalter erweitern müssen. Ich glaube, wir müssen die beiden Welten – Industrie und Digitales – miteinander kombinieren”, blickt Dr. Gero Presser im exklusiven Gespräch mit forgsight.com auf die anstehenden Herausforderungen unserer Zeit. Er ist Mitglied der mehrfach ausgezeichneten IT-Schmiede Quinscape GmbH aus Dortmund.

Unternehmer, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen

Um herauszufinden, wie diese Auswirkungen auf Mensch, Unternehmen und Gesellschaft aussehen könnte, habe ich mich auf eine persönliche Spurensuche begeben. Neben Gero Presser führte ich mit drei weiteren Unternehmern aus dem Ruhrgebiet ein Gespräch. Entgegen der allgemeinen Behauptung über Unternehmern, sie seien von eigenen Profitinteressen getrieben, zeigten alle vier Gesprächspartner eines: große Bereitschaft, Verantwortung für die Region und ihre Menschen zu übernehmen.   

Lars-Thorsten Sudmann (bloola GmbH & Co. KG) beispielsweise fordert eine wertschätzende Führung: “Zurzeit wissen wir nicht, ob die Maschinen jemals die Menschen aus den Betrieben verdrängen wird. Aber was man jetzt schon ableiten kann, ist die wachsende Bedeutung von humanzentrierten Arbeitsmethoden und die wachsende Beachtung von Menschenwürde am Arbeitsplatz.” Er selbst lebt und arbeitet in Gevelsberg.

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