Diversity: People Of Color in der Zivilgesellschaft unterrepräsentiert

Ein Forschungsteam hat vier Organisationen, die sich in gesellschaftliche Diskussionen einmischen, auf die Frage untersucht, ob sie es geschafft haben, Menschen mit Migrationsgeschichte gleichberechtigt einzubeziehen. Das Ergebnis: Es gibt Luft nach oben.

Ein Forschungsteam hat vier Organisationen, die sich in gesellschaftliche Diskussionen einmischen, auf die Frage untersucht, ob sie es geschafft haben, Menschen mit Migrationsgeschichte gleichberechtigt einzubeziehen. Das Ergebnis: Es gibt Luft nach oben.

Egal, ob es um Klimaschutz, die Patientenrechte, die Interessen von Kulturschaffenden oder um Mieteranliegen geht – zivilgesellschaftliche Organisationen haben einen Einfluss darauf, welche Themen in Gesellschaft und Politik gehört und etwa in Gesetzen berücksichtigt werden. Die Gesellschaft in Deutschland ist dabei in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer vielfältiger und internationaler geworden. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts hat rund ein Viertel der Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund.

Über das Forschungsprojekt:
 
Ob und wie sich zivilgesellschaftliche Organisationen darauf eingerichtet und ihrerseits verändert haben, ob sie offen sind für Menschen mit Migrationsgeschichte und deren Forderungen vertreten, hat ein Forschungsteam im Rahmen des Projekts ZOMiDi untersucht. ZOMiDi steht für „Zivilgesellschaftliche Organisationen und die Herausforderungen von Migration und Diversität“. An dem Forschungsprojekt waren neben dem Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen die Ludwig-Maximilians-Universität in München und die Humboldt-Universität in Berlin beteiligt.

Das Forschungsteam hat sich beispielhaft vier Organisationen angesehen, die für die Interessen von Menschen mit einer Behinderung, von Arbeitnehmenden, von sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten und von Menschen eintreten, die aufgrund einer Krankheit potenziell diskriminiert werden: Die Deutsche Aidshilfe, die Lebenshilfe, die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi sowie der Lesben- und Schwulenverband. „Wir haben diese Organisationen bewusst ausgewählt, weil sie jeweils eine benachteiligte Gruppe vertreten und daher sensibel sein sollten für andere Benachteiligungen, wie solche, die mit Migration und Rassismus zusammenhängen“, erklärt Projektmitarbeiterin Vanessa Rau, Postdoktorandin am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen.

Kein aktives Werben um Mitglieder mit Migrationsgeschichte

Und tatsächlich kommt das Forschungsteam zu dem Ergebnis: Alle vier im Projekt untersuchten Verbände waren und sind zunächst einmal offen dafür, Eingewanderte aufzunehmen und zu vertreten. Allerdings stellten die Forschenden fest, dass sich die Organisationen nicht kontinuierlich darum bemühten, Menschen mit Migrationshintergrund als Mitglieder zu gewinnen. So sind sie vorwiegend in Vorständen und meist auch unter den Mitgliedern unterrepräsentiert. Nur in der Gewerkschaft Verdi sind Menschen mit Migrationshintergrund vermutlich entsprechend ihrem Anteil unter den Beschäftigten im Dienstleistungssektor vertreten. Doch auch hier sind Vorstandsmitglieder mit Migrationshintergrund selten.
 
„Keine der vier Organisationen verfügt über ein Konzept zur Herstellung von mehr Vielfalt unter ihren Beschäftigten“, stellt Projektmitarbeiterin Sanja Bökle fest. Aus allen Organisationen wird von Rassismus und Diskriminierungserfahrungen berichtet. Insgesamt sind also Menschen mit Migrationsgeschichte in den vier untersuchten Organisationen trotz einiger Öffnungsschritte noch unzureichend beteiligt und viel zu wenig in wichtigen Positionen vertreten.

Öffentliche Debatten beeinflussen auch Organisationen

Das Forschungsteam hat auch die Faktoren untersucht, die für eine Öffnung zivilgesellschaftlicher Organisationen für Menschen mit Migrationsgeschichte entscheidend sind. Zum einen ist das Selbstverständnis der Organisationen wichtig. „Je offener eine Organisation für Diversität ist, – wenn sie sich wie der Lesben- und Schwulenverband als Teil einer Allianz für Bürgerrechte sieht oder wie die Deutsche Aidshilfe als ein Bündnis der potenziell Stigmatisierten – desto offener ist sie auch für Menschen mit Migrationsgeschichte“, so Karen Schönwälder.
 
Und schließlich können migrantische Mitglieder und deren Netzwerke selbst eine entscheidende Rolle spielen. Fehlen sie, ist Veränderung weniger wahrscheinlich. Wo sie präsent sind, können Mitglieder mit Migrationsgeschichte mit ihren Erfahrungen wesentliche Anstöße geben und in Netzwerken Druck machen für gleichberechtigte Mitsprache.

Unterscheidung nach Migrationsgeschichte wird irrelevant

„Im Generationsverlauf wird sich diese Zweiteilung wohl eher relativieren“, überrascht Dr. Nilgün Dağlar-Sezer. Die Diversity-Expertin und Soziologin an der Universität Paderborn, die zugleich am futureorg Institut für die Forschung verantwortlich ist, führt weiter an: „Umweltschutz, nachhaltige Lebensweisen, Bildungschancen oder politische Artikulation geht junge und ältere Menschen genauso an, egal, ob sie einen Migrationshintergrund haben oder nicht. Erfahrungsgemäß müssen aber erst einmal andere Hürden, die grundsätzliche Lebensbereiche betreffen, wie Wohnen, Arbeit oder Bildungsaufstiege ‚abgehakt‘ worden sein, damit man für andere Themen ein Gespür entwickeln kann.“
 
Erst mit der breiten sozio-ökonomischen Stabilisierung der migrantischen Bevölkerung werde es eine Annäherung geben, die meist erst für die dritte, vierte Generation verwirklicht wird, vermutet Dağlar-Sezer. „Das war auch eine unserer Erkenntnisse aus der Sozialstudie über die türkischen Akademiker und Studierenden, die wir unter dem Namen „TASD-Studie“ im Jahr 2009 geführt und im größeren Umfang als „endaX-Initiative“ fortgesetzt haben. Aus diesen Forschungsarbeiten von damals wissen wir, dass das Zusammenfließen der Mehrheitsgesellschaft mit der Einwanderungsgesellschaft ein Prozess ist, der auf mehreren Diskursebenen gleichzeitig stattfindet. Dazu führte allen voran mein Kollege Kamuran Sezer in vielen Vorträgen und Beiträgen an, dass diese Prozesse nicht ohne Konflikte verlaufen.“ Vor diesem Hintergrund komme den Organisationen, wie sie in der Studie der Max-Planck-Gesellschaft untersucht wurden, eine besondere Bedeutung zu. (mpg/futureorg/signals)
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