Nachhaltigkeit in Unternehmen: „Kein Prozess der einzelnen Person.“ – Ein Interview mit Kerstin Pettenkofer

Kerstin Pettenkofer

Nachhaltigkeitsexpertin, Politikwissenschaftlerin, Unternehmerin,Inhaberin von

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung untersucht die Nachhaltigkeitsanstrengungen deutscher Unternehmen. Sie zeigt: Nachhaltigkeit wird von außen forciert. Darüber haben wir uns mit Kerstin Pettenkofer unterhalten. Die Nachhaltigkeitsexpertin empfiehlt loszulegen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
 
Auf der einen Seite, haben wir ein anderes Bewusstsein für das Thema in der Gesellschaft als noch vor wenigen Jahren. Menschen sind informierter über Auswirkungen unternehmerischen Handelns und haben Erwartungen hinsichtlich verantwortungsvollen Handelns. Zum anderen gibt es inzwischen einige regulatorische Anforderungen, die dazu führen, dass manch ein Unternehmen gar nicht anders kann, als das Thema zu bearbeiten. Die, die geglaubt haben, dass Nachhaltigkeit nur ein Trend ist, der vorbeigeht, werden derzeit eines Besseren belehrt. 
 
Welche Rolle spielen externen Druckfaktoren, zum Beispiel die Erwartungen der Kund:innen?
 
Kunden:innen und Partner:innen haben ein viel größeres Bewusstsein. Insgesamt sind sie viel aufgeklärter. Und sie erwarten von Unternehmen zu Recht Authentizität. Die zunehmende Digitalisierung, Social Media, aber auch die klareren rechtlichen Anforderungen hinsichtlich Transparenz machen es denjenigen schwer, die sich gerne wegducken möchten. 
 
Und wie kommt die Führung mit der zunehmenden Wichtigkeit von Nachhaltigkeitsthemen zurecht?
 
Man muss anerkennen, dass Führung sich gewandelt hat. Neue offene Führungsstile, die Partizipation fördern und anerkennen, helfen enorm, gesamtgesellschaftliche Themen zu treiben. Wer einsieht, dass eine Führungskraft kein allwissender Häuptling ist, ist im Vorteil. Führungskräfte, die Kooperation und Führung auf Augenhöhe leben, werden über kurz oder lang den Weg der Transformation gehen. Manche langsamer, die anderen schneller. 
 
Für wie relevant hältst Du gesetzliche Regulierungen durch die Politik? 
 
Für enorm wichtig! Ich würde es mir anders wünschen, denn Politik wird eben nicht im Sprinttempo gemacht, sondern braucht Zeit, die wir nicht haben. Aber Freiwilligkeit, das sehen wir ja sowohl beim Sorgfaltspflichtengesetz, aber auch bei Themen der Diversität auf Führungsebene von Konzernen, ist ehrenhaft und für manche auch Anreiz genug. Aber die große Masse lässt sich so nicht bewegen. Was ich jetzt nicht den Unternehmen unterschieben will. Sie agieren in einem Markt, der nach wie vor auf Wachstum aufbaut und indem Fragen der Konkurrenz eben überlebenswichtig sind. Da kann keiner erwarten, dass Maßnahmen, die ein Unternehmen möglicherweise die Konkurrenzfähigkeit kosten, von CEOs gerne freiwillig eingeführt werden. Wobei das Argument eben auch nicht immer zählt. Da machen sich es manche zu einfach. Aber es müssen die gleichen Regeln für alle gelten. Das finde ich wichtig. Da darf es auch keine Ausnahmen geben. Damit könnten wir sowieso so mal aufräumen. Das würde schon sehr viel bringen. 
 
Reichen Dir die aktuellen Regulierungen aus? 
 
Die jetzigen Regulierungen reichen überhaupt nicht aus. Wenn man sich anschaut, wie die vorherige Bundesregierung, und vor allem Peter Altmeier, die Umsetzung des Lieferkettengesetztes ausgebremst hat oder wie weichgespült die CSR-Berichtspflicht daherkommt, kann niemand, der es ernst meint mit der Transformation, zufrieden sein. Aber, es weht ja ein deutlicher Wind der Veränderung. Im Gespräch mit meinen Kundinnen und Kunden höre ich, dass sie diesen Wind deutlich wahrnehmen. Wie immer wird es einige geben, die Ende des Jahres unsanft aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden. Sie werden lautstark längere Übergangsfristen einfordern. Aber wer klug und vorausschauend handelt, weiß, dass er jetzt loslegen kann.
 
Auch dann, wenn die Gesetzesvorschläge nicht noch vorliegen? Schließlich haben wir eine neue Bundesregierung.
 
Auch dann, wenn die entscheidenden Gesetzesvorschläge noch nicht auf dem Tisch liegen. Die Zeit der Feigenblätter ist vorüber. Das müssen sich Entscheiderinnen und Entscheider in Unternehmen bewusst machen.  Grundsätzlich ist eine grobe Richtung ja absehbar. Und die Gesetzesinitiativen, die ich hier meine, wie ein europäisches Lieferkettengesetz und neue Berichtspflichten sind entweder im Entwurf schon da oder es lässt sich ahnen, in welche Richtung es geht, wenn man den Stakeholderdiskurs verfolgt. 
 
 
Was sind Deiner Meinung nach die Gründe dafür, dass die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit nicht schneller erfolgt? 
 
Ein Grund ist, dass wir uns alle ändern müssen. Das ist für den Einzelnen mit Anstrengungen verbunden. Die meisten von uns haben sich ganz komfortabel eingerichtet. Sich aus der Komfortzone rauszubewegen, kostet nun einmal Überwindung. Ich finde, die Studie von Ilona M. Otto Social tipping dynamics for stabilizing Earth’s climate by 2050 bringt es trefflich auf den Punkt: Es dauert wohl über 30 Jahre, bis sich Normen und Werte bei Menschen ändern. Da sind wir auf einem guten Weg, finde ich. Und wenn wir wirklich unsere Zukunft selber in die Hand nehmen wollen, sollten wir den Gestaltungsmoment auch wahrnehmen und nicht warten, dass andere für uns gestalten.
 
Kannst Du grundlegende Ziele nennen, die sich ein jedes Unternehmen für mehr Nachhaltigkeit setzen sollte? 
 
Ja! Sehr banal, aber leider immer noch viel zu selten umgesetzt: Beziehen Sie Ihre Mitarbeitenden von Anfang an ein! Nutzen Sie die Chance, auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit Ihr Unternehmen besser kennenzulernen. Und zwar in einem gut strukturierten Beteiligungsprozess, der am Ende eine Gesamtstrategie hervorbringt, die jeden anspricht und bei der jeder von den Kolleginnen und Kollegen lernt. 
 
Welche Schwierigkeiten treffen Unternehmen am häufigsten, wenn sie mehr Nachhaltigkeit verfolgen?
 
Ich werde oft in Prozesse gerufen, in denen die Unternehmensführung einer Abteilung oder einer CSR-Beauftragten die Aufgabe übertragen hat, eine Nachhaltigkeitsstrategie zu schreiben. Das ist genau der Weg, um ganz sicher Umwege zu nehmen und noch mehr Zeit zu verlieren. Mal abgesehen von den Ressourcen, die dabei verschwendet werden.
 
Was ist Deine Empfehlung?
 
Der Nachhaltigkeitsprozess in einem Unternehmen kann kein Prozess einer einzelnen Person oder einer einzelnen Abteilung sein. Oft höre ich: „Können Sie uns weiterhelfen? Wir haben schon eine Nachhaltigkeitsstrategie, aber irgendwie funktioniert es trotzdem nicht.“ Ich empfehle, von Anfang jeden im Unternehmen in diesen Prozess reinzuholen. Und ich meine wirklich jeden.
 
Hört sich aufwendig an. Zahlt sich dieser Aufwand aus?
 
Dem hohen Aufwand am Anfang steht auf Dauer der Vorteil gegenüber, Zeit, Geld und Kraft zu sparen, weil unnötige Arbeiten vermieden werden. Nachhaltigkeit ist manchmal anstrengend, aber am Ende setzt es unglaublich viel Energie frei. Und wenn wir anerkennen, dass es eine großartige Chance ist, Gewohntes noch mal grundsätzlich zu überdenken und in andere Richtungen zu lenken, dann macht es auch Spaß. (futureorg/signals)
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